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Am Fenster

An „Das Warten auf Godot“ erinnert mich dieser Moment. Es ist angenehm, mit dir auf jemanden zu warten, von dem man weiß, dass er nicht kommt...
Du hast am Fenster gestanden und ganz verträumt hinausgeblickt. Ein Glas Wein in der Hand, dich leicht wiegend im Takt von „Dream a little Dream of me“ der Mamas and Papas – obwohl du zu mir hinüber schautest und dabei lächeltest, wusste ich, dass du auch anderes siehst. Zu warm blickten deine Augen durch mich hindurch. Auf diesen Blick hin habe ich mich erhoben, bin hinter dich getreten, habe dich mit dem rechten Arm umfasst und meinen Körper deinen wiegenden Bewegungen angepasst.
Warm und weich spüre ich deinen Körper in der Hand, dein Kopf liegt an meiner Wange. Leise summst du die Melodie mit, während ich versuche, deinen Gedanken zu folgen, die sich jenseits der Fensterscheibe zu befinden scheinen. Auf den ersten Blick ist nur das zu sehen, was wir immer sehen: die Straße, das gegenüberliegende Haus, der gelbe Briefkasten an der Bushaltestelle. Der Herbstregen lässt den Tag trist wirken, und ein heftiger Windstoß fegt die Straße hinunter, dass sich meine Schultern trotz der Wärme im Zimmer fröstelnd kurz zusammen ziehen.
Zusammengekauert stehen die Menschen an der Haltestelle, den Rücken gegen den Wind gedreht. Eine Frau kämpft damit, ihren Regenschirm vor dem Überklappen zu bewahren, und ein Mann mit Hund geht dicht an der gegenüberliegenden Hauswand entlang, eine Kapuze über dem Kopf und die Hände tief in den Taschen seines Parkas verborgen. Die Autos fahren mit eingeschaltetem Licht und winkenden Scheibenwischern gischtend an unserem Fenster vorbei. Es scheint eine andere Welt zu sein - dort draußen - als hier drinnen. Oder: andere Welten? Jedenfalls habe ich auch schon Schnee gesehen durch dieses Fenster, Eis auf der Straße und tollende Kinder. Oder Sonne, die im Sommer dafür sorgt, dass ich mich über Frauen in luftiger Kleidung freuen kann, über fröhliche und weniger hektische Menschen – Sonne scheint zufriedener zu machen als Regen.
Ich sehe die Freunde und Gäste, die uns besuchten, die Straße entlang kommen. Ich sehe dich, wie du mit einer Freundin vom Stadtbummel kommst. Ich sehe die Kinder an der Haltestelle aus dem Bus steigen und fröhlich herüber winken. Ich sehe mich, wie ich die Colakisten aus dem Auto lade oder das Gepäck für den Urlaub verstaue...

War das Glück? Innerlich lächelnd stand sie da, den Blick dem Fenster zugewandt. Doch da war nichts, was sie sah, weil ihr Blick nach innen gerichtet war - sie schaute sich ihre Gefühle an. Es war warm in ihr und sie fühlte sich leicht. Sicherheit spürte sie, Zufriedenheit und Vertrauen. Alles, was sie sah, war bunt, lebendig. Die Geborgenheit, in der sie sich wähnte, die Wärme des Zimmers und die guten Erinnerungen, die die Musik der Mamas & Papas auslösten, ließen ihren Körper sich leise wiegen. Fast war es ihr, als würde sich ein inneres Lächeln in ihr bilden, das sich in einem Seufzer löste, als sie seinen Arm um ihren Körper spürte. Nur kurz streiften ihre Augen erst grauen Himmel, dann warme Augen, doch dann konnte der innere Blick noch tiefer tauchen.
Und das innere Lächeln fand in ihrem Gesicht seine Fortsetzung.
24.7.08 16:04


Frauendiskriminierung mitten in Deutschland

Gern betätige ich mich in meiner Freizeit als Hobbyfeminist. Es gibt mir viel, wachen Auges durch die Lande zu streifen und Missstände entsprechenden Institutionen zu Gehör zu bringen. Niemand ist dafür besser geeignet als ein Mann, denn Frauen sind in dieser Beziehung doch ein wenig befangen und emotional zu sehr beteiligt.
Schon seit gut zwanzig Jahren fröne ich diesem schönen Hobby, das ich ursprünglich als selbstgewählte Aufgabe auf mich nahm und auch heute noch als wichtigen Beitrag für das soziale Gefüge zwischen Mann und Frau empfinde.
Überaus positiv empfinde ich, dass ich während der ganzen Zeit keinem einzigen Beispiel für Diskriminierung begegnete. Es hat sich also viel getan in Deutschland!
Doch gestern wurde diese positive Überzeugung bis in die Grundfesten erschüttert. Zwar nur ein Einzelfall, aber man sollte mit so einer Arbeit schon im Kleinen beginnen.
Jedenfalls war ich am Wochenende in Hamburg, einer eigentlich modernen und sehr aufgeschlossenen Stadt in Deutschlands Norden - malerisch gelegen an der Elbe, die idyllisch im Riesengebirge entspringt und sich in die Nordsee ergießt. Wie jedes Wochenende entschloss ich mich zu einem Bummel durch die dortige Herbertstraße. Sie ist ein gutes Beispiel Hamburger Stadtkultur mit geschichtlichem Fundament, und ich genieße es stets, dort zu promenieren und mit Muße die vielfältigen und lebendigen Auslagen in den Schaufenstern zu betrachten.
Ein kleines Schild, das ich normalerweise nicht beachtet hätte, fing meinen Blick: “Kein Zutritt für Frauen”, stand dort. In Druckbuchstaben. Heiße Empörung wallte in mir hoch - unverständlich dieses Schild der Senatsverwaltung, das den Zutritt nur noch auf Männer und Kinder beschränkte. Und das in der heutigen Zeit. Besonders verwerflich empfinde ich es, ein solch kleines Schild dermaßen versteckt anzubringen, nur um die Diskriminierung im Verborgenen zu halten. In seiner Bedeutung ist das jedoch grober Vorsatz.
Auf dem örtlichen Polizeirevier, das sich gleich um die Ecke befand, wollte ich diesen Umstand zur Anzeige bringen. Dort jedoch begegneten mir die Beamten mit Arroganz und Renitenz. Das Schild würde schon seit über dreißig Jahren dort hängen, und offensichtlich war niemand gewillt, zu diesem Tatbestand eine Anzeige aufzunehmen. Man schickte mich dort von Dezernat zu Dezernat, ließ mich lange warten und zuweilen hatte ich tatsächlich den Eindruck, man würde mich auslachen. Erst eine mitfühlende Beamtin in Zivil versprach mir nach einem tiefen, von Notizen geprägten Gespräch, sich meiner Sache anzunehmen.
Auf diesem Wege möchte ich mich bedanken bei dieser unbekannten aber engagierten, jungen Frau, die mit ihrem Mut beispielhaft dafür sorgte, dass ich meinen Glauben an die Diskriminierung nicht gänzlich verlor.
24.7.08 15:58


Hänschen und Marie

Marie genoss diesen Moment des Alleinseins. Innerlich fast schwebend saß sie sich auf dieser Bank am Molfsee, einem See in der schleswig-holsteinischen Landschaft. Mit geschlossenen Augen und zurückgelegtem Kopf genoss sie die Strahlen der Abendsonne in ihrem Gesicht, spürte den kühlen Hauch des Abendwindes auf ihrer Haut. Tiefes Atmen und das Spüren ihres Lebens, die Schreie der Vögel von der Möweninsel und das leise Plätschern der Wellen am Uferrand bescherten ihr einen dieser dankbaren Momente, in denen man das Alleinsein genießt, ohne sich einsam zu fühlen.
Es war die Bank ihrer Kindheit. Vor über dreißig Jahren hatte sie hier ihren ersten Kuss bekommen, eine heimliche Zigarette geraucht, Rotwein aus der Flasche getrunken. Sie erinnerte sich an diese lärmenden Abende mit ihren Freunden. An Peter, den Wilden, der neunzehnjährig bei einem Motorradunfall starb; an Horst, den Lautesten von ihnen, der heute als erfolgreicher Bauunternehmer und Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr die Geschicke des Dorfes mit in der Hand hat; an Martina die mit 15 gerade das dritte Mal verlobt war und mit 18 schon verheiratet, an Siegfried, den Fussballbegeisterten, der noch heute in der Alten Herren von früheren „glorreichen“ Zeiten erzählt; und Hans fällt ihr ein, der Stille, der durch seine tiefe Nachdenklichkeit stets etwas geheimnisvoll und zart erschien.
Hans war es, der sie damals zum ersten Mal küsste. Hier, auf dieser Bank. Ängstlich, zurückhaltend und ein bisschen tumb, so dass sie noch heute darüber lächeln muss. Dabei erschien ihr dieser Kuss trotz dieser Ungelenkheit so unglaublich zärtlich und sanft.
Und ein paar Wochen später hatte sie ihm so weh getan in ihrer kindlichen Naivität – ob er heute noch genauso an diesen Moment zurückdenkt, wie sie es jetzt tat? Sie würde ihm gerne sagen, dass das, was sie damals nur als lächerlich empfand, so tief ging, dass sie es manchmal heute noch als fernen, wehmütigen Schmerz spürte.
Damals, nach diesem Kuss, trafen sie sich fast jeden Abend an dieser Stelle – heimlich, die Clique sollte es nicht wissen. Es war ein Sommer mit langen, milden Abenden. Beide konnten sie nicht schwimmen und hatten das vor den anderen stets zu verbergen gewusst. Trotzdem gingen sie nun ins Wasser. Gemeinsam, Hand in Hand. Bis zum Bauch und ein wenig tiefer.
In den Abendstunden schien das Wasser besonders lau. Der Wind, der schon die beginnende Kühle der Nacht in sich trug, umfächelte ihre Schultern. Das Wasser spürten sie mild an ihren Körpern. Und wie einen schwachen elektrischen Strom spürten sie etwas über ihre Hände in die Körper fließen. Ohne dabei zu reden genossen beide still die Geborgenheit, die sie durch die Ruhe ringsherum zu umarmen schienen. Und niemals vorher empfand Marie die Sonne, die hinter dem Wäldchen hinter der Vogelinsel unterging, so tief, so rot, so leuchtend und so warm wie in jenen Tagen.
Erst als nur noch ein dunkelroter Schimmer in den Abendwolken zu erkennen war, die Dämmerung über den Tag zu gewinnen begann und die Kühle sich durch ein leichtes Zittern im Körper bemerkbar machte, gingen sie an das Ufer zurück, trockneten sich mit den weißen Frotteetüchern ab, die über der Bank lagen, und liefen Hand in Hand heimwärts.
Marie wunderte sich darüber, wie wenig sie eigentlich damals miteinander sprachen. Denn sie hatte immer das Gefühl gehabt, sie hätten viel miteinander geredet. Und sie wunderte sich darüber, wie selbstverständlich sie ihr Zusammensein empfunden hatte.
Es waren wunderschöne Abende gewesen. Doch schon bald hatte Marie den Wunsch, auf den See hinauszuschwimmen – hinein in die flachen Wellen, die den rötlichen Widerschein des Abends in sich trugen. Eines Tages – Hänschen war im Zeltlager – sprach sie mit ihrer Mutter darüber, und die zeigte ihr die ersten Trockenübungen; Onkel Karl ging an einem Samstagnachmittag mit ihr an den See, um sie bei den ersten Versuchen zu halten und zu leiten. Prima ging’s, und von Tag zu Tag wurden die Kreise, die sie schwimmen konnte, größer.
Den ersten gemeinsamen Abend nach Hänschens Zeltlager empfand sie als etwas ganz Besonderes, sie hatte sich sehr darauf gefreut und saß schon eine halbe Stunde auf der Bank, bis er endlich kam. Kein Kuss, nur dieser strahlende Blick, als er sich langsam bis auf die Badehose auszog. Innerlich lachte sie und wusste gar nicht so richtig, warum. Als Hänschen dann ihre Hand nahm, schmiegte sie sich eng an seine Arm. Gang langsam taten sie die erste Schritte, doch plötzlich liefen sie in den See hinein und blieben schweratmend dort stehen, wo sie gerade noch Grund hatten.
Und wieder empfand Marie alles so wunderschön, so warm und so leuchtend. Allein schon ihr eigenes Atmen und das Pochen ihres Herzens schienen die Stille zu stören. Ganz stark fühlte sie sich, und sie fühlte sich unheimlich stark, als sie seine Hand los ließ und die ersten Schwimmzüge machte. Es war einfach herrlich, durch das Wasser zu gleiten und der untergehenden Sonne ein Stück entgegen zu schwimmen. Marie genoß das alles, vergaß dabei Zeit und Raum und konzentrierte sich nur auf das Schwimmen und auf das, was um sie herum war. Sie war sehr stolz auf sich, als sie sich nach einiger Zeit das erstemal umblickte. Und da sah sie Hänschen, der gerade die letzten Schritte zum Ufer zurücklegte, sein Handtuch nahm und sich bereits anzog, während sie noch zurück schwamm.
Als sie sich abtrocknete, stand er wartend neben ihr. Und doch hatte sie den Eindruck, er wäre meilenweit von ihr entfernt. Kein Wort zwischen ihnen, kein Händchenhalten, kein Laufen und Lachen auf dem Nachhauseweg und nur ein ausweichender Blick beim Abschied.
Es war damit der letzte Blick, den Hänschen Marie schenkte.
Es war vorbei.
Marie hatte Schwimmen gelernt...
30.4.06 17:59


Das Bild eines Kindes

Nun sitze ich vor diesem Bild. Vor einem Bild, das mein kleiner Sohn für mich malte. Es ist ein wenig krickelig und wirr und sehr bunt, es sieht ihm ähnlich. Lächelnd sehe ich ihn vor mir, wie er mit seinen strahlenden Kinderaugen und einigen abgekauten Buntstiften um sich herum auf dem Fußboden kniend immer tiefer in seine Malerei versinkt und sich schon freut über die Freude, die er damit geben will.
Ich denke zurück an eigene Malereien. Sie alle waren Gaben, waren Gefühle. Oder Träume. Immer, wenn ich als Kind für jemand anderen malte, habe ich ihm nicht nur ein Bild, sondern ein Stück von mir geschenkt und damit meine Liebe erklärt.
So wird auch langsam das Bild meines Sohnes deutlicher, ohne daß ich die Zeichnung betrachten muß. Denn es steckt so sehr viel mehr im Bild eines Kindes, als man sehen kann.
30.4.06 17:56


Kontaktanzeigen-Zuschrift

Verehrte, gnädige Unbekannte...

DA BIN ICH! Seit über zwanzig Jahren schon antworte ich vergebens auf Bekanntschaftsanzeigen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, Ihre Annonce gab mir wieder Hoffnung. Die Ironie in Ihrem Text habe ich wohl begriffen, ich schätze solcherart feinsinnig-weibliche Humorigkeit sehr.
Ich gelte als gutaussehender Herr in mittleren Jahren mit Stil und Niveau und sehr viel Charme. Ich bin intelligent und grundsolide. Ich fröne eher elitären als profanen Genüssen. Als hoffnungsvoller Spross einer Beamtenfamilie gelang es mir schon früh, mich den Widrigkeiten des Lebens verantwortungsvoll und mit Kraft zu stellen. Meine edle Mutter habe ich sehr geliebt! Sie war mir immer ein guter Kamerad und zuverlässiger Weggefährte. Der Vater verließ uns schon früh. Er ging als Söldner in die ehem. Kolonien und starb dort an Schwindsucht. Geschwister habe ich keine.
Ich habe nicht nur eine bedeutende Stellung in meinem Amt, sondern dadurch auch in der Gesellschaft. Noch heute bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie mir in jungen Jahren den Besuch eines humanistischen Gymnasiums ermöglichte. Dort lernte ich nicht nur, was Zucht und Ehre für einen deutschen Mann bedeuten können, sondern erlangte auch den mir ganz eigenen Stolz, der mich heute so männlich wirken läßt.
Meine Mutter war es, die mich vor meiner ersten Vermählung (mit einer Bürgerlichen!) warnte. Hätte ich ihr nur geglaubt. Aber in dieser schweren Zeit war sie immer für mich da, stand mir mit ehernem Willen, mit Rat - aber auch Trost - geduldig zur Seite. Glücklicherweise kam meine Gemahlin dann schon bald bei einem Droschkenunfall zu Tode. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor.
In den nächsten 18 Jahren nahm ich Wohnung bei meiner geliebten Frau Mutter - das allein spricht wohl schon für meine Solidität. Toleranz ist eine meiner herausragenden Tugenden. Aber nur ungern frequentiere ich Lokalitäten, in denen sich das gemeine Volk aufhält. Ich habe nichts gegen diese Leute, aber aufgrund meiner Bildung und Kultiviertheit widerstrebt mir jeder Fraternisierungsgedanke mit diesem - verzeihen sie mir gütigst den unflätigen Ausdruck: - Pöbel.
Meine Mutter - eine aufrechte Frau (die ich übrigens sehr liebte) - war eine wahre Künstlerin, was das Kochen betraf. Nie werde ich ihre Dillklößchen in Buttersauce vergessen. Leider verstarb sie viel zu früh im blühenden Alter von 93 Jahren.
Körperlich bin ich „fit", wie man heute salopp sagt, aber ich hinke ein wenig (eine alte Kriegsverletzung). Trotzdem nehme ich am öffentlichen Leben regen Anteil. Kameradschaftsabende schätze ich sehr, und mit Freude besuche ich Opernkonzerte, liebe das Ballett, stehe aber auch modernen Vorträgen über z. B. Waffentechnik und Heerestaktik sehr aufgeschlossen gegenüber. Meine Mutter war es, die das Interesse dafür in mir weckte. Ich habe sie sehr geliebt.
Stets sind wir ohne Dienstboten ausgekommen. Obwohl es manchmal doch sehr beschwerlich war, hat meine Mutter es aufopfernd und ohne zu klagen geschafft, uns beiden den Haushalt zu führen. Es war ein hartes Los, aber diese harte, schwere Arbeit tat ihrer Schönheit keinen Abbruch.
Liebste Unbekannte (sie scheinen mir nun schon so vertraut...), ich suche eine Frau wie Sie, voller Klugheit und natürlicher Schönheit, bei der ich Ruhe und Geborgen¬heit finde. Gern biete ich ihnen nicht nur meine starke Schulter, sondern auch mein Heim, dem es - ich will es nicht verhehlen - an der ordnenden Hand einer liebenden Frau mangelt. Und ich mache ihnen dieses verlockende Angebot nicht ohne mein Ehrenwort, ihnen ewige Dankbarkeit zu beweisen, wie sie auch meine Mutter stets von mir erfahren hat. Und wenn nicht nur innere Werte, sondern auch ein gewisses Geldvermögen zu Ihren Tugenden zählen sollte, würde es mich freuen, es für Sie verwalten und mehren zu dürfen.
Ihre geneigte Offerte richten Sie gnädigst an nachstehende Anschrift...
24.7.08 16:00


Des Blinden Sicht

Es ist noch gar nicht lange her, da lebte in einem fernen Land ein König, der den Namen „Schneekönig“ trug. Es war ein raues Land, in dem er lebte; die Winter waren länger als die Sommer, dafür schien zuweilen auch des Nachts die Sonne.
Der Schneekönig war ein besonderer König – so, wie man sich einen König nur wünschen kann. Gerecht gegenüber seinen Untertanen, klug und umsichtig in der Staatsführung, verbindlich im Umgang mit den Nachbarn, und auch die übrigen kleinen Nickeligkeiten, die einem solchen König widerfahren, regelte er souverän: Neider erkannte er, und von falschen Ratgebern trennte er sich schnell. So umgab ihn bald eine Schar Menschen, die ihn entweder liebten, teilweise bewunderten oder zumindest respektierten.
Kriege wurden selten um des Schneekönigs Reich. Er vermied solche Auseinandersetzungen, die nach seiner Meinung nur Verlierer gebiert, wich ihnen aber nicht aus. Wenn es denn einmal zum Kampf kam, ritt er voran und war stets stärker, schneller und fintenreicher als seine Kontrahenten.
Das Volk führte ein gutes Leben unter unter seinem Regiment. Die Steuern waren erträglich und aus der Sicherheit ihres Daseins konnten die Bürger arbeiten und feiern und beteiligten sich auf diese Weise frohen Herzens am inneren Wachstum des Reiches – im Sinne der Bedeutung dieses Wortes war jedermann zufrieden mit dem, was er hatte. Heute würde man sagen, es war alles „total easy“.
Mit zunehmendem Alter packten den Schneekönig jedoch persönliche Zweifel. Er wusste nicht recht, warum und wie, aber dieses unterschwellige Gefühl eines Fehls begann, mehr und mehr zu einem Begleiter zu werden. Zunächst dachte er an den Effekt eines „Vakuums“, das ihn unruhig machte, denn seine Staatsgeschäfte waren geregelt, immer weniger Zeit musste er auf das Regieren verwenden. Aber umso mehr Zeit er hatte, desto größer wurde das Gefühl, dass etwas fehlte. So begann er zu beobachten und zu suchen. Doch so sehr er auch beobachtete und suchte fand er nichts, was nicht in Ordnung gewesen wäre, nichts, das fehlte.
Um sich abzulenken und für sich zu sein begann der Schneekönig mit Wanderungen durch seinen Palast. Jeden Raum erkundete er dabei, jedes Ding beschaute er sich. Alles war gut, alles war schön, und jeder, der in seinem Umfeld lebte, bestätigte ihm das dankbar.
Im Frühling begann der Schneekönig, seine unruhigen Wanderungen auszuweiten. Immer größere Kreise zog er um das Schloss; durch die sauberen Stallungen wanderte er, durch den großen, wunderbaren Park, vorbei am See mit den weißen Schwänen bis zu der hohen, blühenden Rosenhecke, die die Ländereien des Schneekönigs in voller Länge umgab.
Eines Tages fand er in der hintersten Ecke seines Gartens einen Durchschlupf durch diese Hecke. Sein erster Gedanke war der Ruf nach dem Gärtner, doch dann obsiegte die Neugier, und der König schlüpfte durch das Loch in der Hecke, hinter der er eine Holzbank fand, die an einem Weg stand.
Er setzte sich um auszuruhen. Schon nach kurzer Zeit erspähte er den ersten Menschen auf diesem Weg; der ging vorbei. Auch der nächste, der übernächste und alle weiteren. Der Schneekönig fand es verwunderlich, dass sie alle vorbeigingen und sich nicht auch auf der Bank ausruhten, denn das Stück Wegs, das er einsehen konnte, war das Ende eines steilen Anstiegs.
So verging einige Zeit, als er einen Mann erblickte, der mit einem Stock jeden Schritt des Weges vor sich erkundete. Offensichtlich war der blind, näherte sich jedoch Schritt für Schritt. Dabei geriet er zwar manchmal in Gefahr, sich abseits des Weges zu verlaufen, doch fand er immer wieder auf ihn zurück. Es war sicherlich beschwerlich, dieserart eine Wanderung zu unternehmen, doch wirkte der Blinde ziemlich entspannt und überhaupt nicht unglücklich.
Als er sich der Bank näherte, von deren Vorhandensein er offensichtlich wusste, schien zu spüren, dass schon ein Mensch darauf saß. „Darf ich mich zu dir setzen, Mensch?“ fragte er, tastete sich heran mit seinem dünnen Stab und nahm Platz neben dem Schneekönig.
„Sicher,“ antwortete der König, „es ist ja nicht meine Bank“.
Das war zwar alles andere als eine herzliche Einladung, trotzdem ließ sich der Blinde nicht beirren und blieb sitzen, um sich auszuruhen.
Schweigend saßen sie zunächst nebeneinander, die Gesichter der Sonne zugewandt. Und gerade, als der Schneekönig sich erheben wollte um zu gehen, ergriff der Blinde das Wort: „Ist es nicht schön, solcherart in die Sonne zu sehen?“
Der Schneekönig hätte fast laut aufgelacht ob diese Satzes von ausgerechnet einem Blinden. „Ja, Blinder, schön hell,“ antwortete er ein wenig amüsiert aber immer noch taktvoll.
‚Hm,’ dachte der Blinde bei sich, ‚wieder einer der nicht richtig zuhören kann’. „Ja, siehst du denn nicht mehr?“
„Oh doch,“ war die Antwort, „ich sehe alles – auch das, was du leider nicht sehen kannst. Soll ich es dir beschreiben?“ Und er hub an, dem Blinden die Sonne zu schildern und den Himmel und alles, was er drum herum sah. Es war die Schilderung eines aufmerksamen Beobachters, die auch jede noch so kleine Kleinigkeit berücksichtigte. Das Bild, das sich daraufhin vor dem inneren Auge des Blinden bildete, war deshalb ziemlich vollständig, doch es hatte für ihn einen kleinen aber wesentlichen Makel: Wie es einem Bild eigen ist, erschien es nur zweidimensional. Wo war die dritte Dimension, wie sah es hinter der Sonne aus? Und hinter dem Hinter?
„Das kann man nicht sehen,“ erklärte der Schneekönig. „Es gibt Vermutungen, was dahinter sein könnte, doch die Gelehrten streiten sich.“
„Und du,“ fragte der Blinde, „hast du nie versucht, hinter die Sonne zu sehen?“
„Nein,“ sprach der Schneekönig, „das Wesentliche kenne ich ja. Und damit lebe ich gut und sicher.“
„Und wenn du dich irrst? Wenn das Wesentliche erst hinter der Sonne begänne und alles Wesentliche, das du kennst, dagegen unwesentlich wäre? Würdest du dann nicht hinter die Sonne sehen wollen“
„Das sind Wortklaubereien, Blinder! Niemand kann hinter die Sonne sehen, ohne sich zu blenden.“
„Und wenn man etwas anderes hätte als die Augen, um hinter die Sonne zu sehen, würdest du dann hinter die Sonne sehen wollen?“
„Ich sehe sehr gut. Besser geht’s nicht. Und anders geht’s nicht.“
„Oh, ich glaube doch, es geht anders. Sehen ist nämlich nicht eine Frage der Augen, sondern die des Sehens. Und das Sehen ergibt sich aus dem Zuhören. Hast du die Menschen, die sich tags hier zu dir auf die Bank setzen, einmal gefragt, was und wie sie sehen?“
„Es hat sich den ganzen Tag noch niemand zu mir gesetzt.“
„Wie kommt’s? Du riechst nicht übel, sprichst belesen – wirkst du irgendwie hässlich oder abstoßend auf andere?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Was könnte denn an dir sein, was andere schreckt, sich zu dir zu gesellen?“
„Ich weiß es nicht... vielleicht... weil ich der König bin?“
‚Ichnuwieder,’ dachte der Blinde seufzend, ‚nur einen Menschen treffe ich auf diesem Weg und ausgerechnet das ist der König’. „Verzeiht meine Despektierlichkeit.“ Und er erhob sich, seinen Weg fort zu setzen.
„Halt,“ sprach der König, „beantwortet mir noch eine Frage: Warum habt Ihr Euch zu mir gesetzt, Blinder, und niemand sonst?“
„Eure Kleider, Majestät, Eure Kleider werden die Ursache sein. Es wird sich an diesem Weg kaum jemand finden, der ähnlich gekleidet ist wie Ihr. Wenn Ihr Euch einen passenderen Weg suchtet, als diesen, wäre Gesellschaft leichter zu finden. Oder aber ihr wechselt die Kleider...“ sprach der Blinde lächelnd und fügte grinsend hinzu: „Kleider machen Menschen...“
Und stöckchenklappernd wanderte der Blinde weiter auf dem Weg in die untergehende Sonne hinein.
30.4.06 18:02


Mein Weihnachtslicht

Es war Winter, der eisige Wind trug einen Hauch nahenden Schnees in die Stadt und berührte dabei auch den kleinen Kerl, der sich mit glänzenden Augen und roten Ohren die Nase plattdrückte am eisblumenverzierten Schaufenster des Spielwarengeschäfts. Um ihn herum hetzten die Menschen, Weihnachtspakete unter den Armen - Ungeduld im Sinn und Hektik im Schritt. Der Junge sah es nicht, und niemand bemerkte das Kind, das lächelnd den Blick nicht von dem wenden konnte, was es sah: Ein Schienenkreis, auf dem sich endlos eine kleine Dampflokomotive mit Tender, Personen- und Packwagen bewegte. Ein Bahnhof aus Plastik, drei Kühe und eine Schranke, die sich unermüdlich öffnete und schloß, in der Mitte, darüber hing an seidenen Schnüren ein bunter Karton.
Es waren nicht die vielen Lichter oder der Blick auf ein günstiges Angebot, das mich stehenbleiben ließ. Es war das Gesicht des Jungen. Trotz des Windes schien es erhitzt, sein Lächeln leuchtete von Innen heraus, und mit dem Glanz seiner Augen schien er den Glaskasten umfassen zu wollen - ich wußte, hier wird ein Weihnachtswunsch geboren.
All das ist ein paar Jahre her, aus dem Knaben wird wohl heute ein Mann geworden sein. Doch immer zur Weihnachtszeit, wenn die Hektik der Einkäufe mich zu überrollen scheint, halte ich inne und denke an das Leuchten im Gesicht dieses Jungen. Ein Leuchten, das ich für immer als beeindruckendstes Weihnachtslicht in mir festhalten werde.
30.4.06 18:11


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