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Kontaktanzeigen-Zuschrift

Verehrte, gnädige Unbekannte...

DA BIN ICH! Seit über zwanzig Jahren schon antworte ich vergebens auf Bekanntschaftsanzeigen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, Ihre Annonce gab mir wieder Hoffnung. Die Ironie in Ihrem Text habe ich wohl begriffen, ich schätze solcherart feinsinnig-weibliche Humorigkeit sehr.
Ich gelte als gutaussehender Herr in mittleren Jahren mit Stil und Niveau und sehr viel Charme. Ich bin intelligent und grundsolide. Ich fröne eher elitären als profanen Genüssen. Als hoffnungsvoller Spross einer Beamtenfamilie gelang es mir schon früh, mich den Widrigkeiten des Lebens verantwortungsvoll und mit Kraft zu stellen. Meine edle Mutter habe ich sehr geliebt! Sie war mir immer ein guter Kamerad und zuverlässiger Weggefährte. Der Vater verließ uns schon früh. Er ging als Söldner in die ehem. Kolonien und starb dort an Schwindsucht. Geschwister habe ich keine.
Ich habe nicht nur eine bedeutende Stellung in meinem Amt, sondern dadurch auch in der Gesellschaft. Noch heute bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie mir in jungen Jahren den Besuch eines humanistischen Gymnasiums ermöglichte. Dort lernte ich nicht nur, was Zucht und Ehre für einen deutschen Mann bedeuten können, sondern erlangte auch den mir ganz eigenen Stolz, der mich heute so männlich wirken läßt.
Meine Mutter war es, die mich vor meiner ersten Vermählung (mit einer Bürgerlichen!) warnte. Hätte ich ihr nur geglaubt. Aber in dieser schweren Zeit war sie immer für mich da, stand mir mit ehernem Willen, mit Rat - aber auch Trost - geduldig zur Seite. Glücklicherweise kam meine Gemahlin dann schon bald bei einem Droschkenunfall zu Tode. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor.
In den nächsten 18 Jahren nahm ich Wohnung bei meiner geliebten Frau Mutter - das allein spricht wohl schon für meine Solidität. Toleranz ist eine meiner herausragenden Tugenden. Aber nur ungern frequentiere ich Lokalitäten, in denen sich das gemeine Volk aufhält. Ich habe nichts gegen diese Leute, aber aufgrund meiner Bildung und Kultiviertheit widerstrebt mir jeder Fraternisierungsgedanke mit diesem - verzeihen sie mir gütigst den unflätigen Ausdruck: - Pöbel.
Meine Mutter - eine aufrechte Frau (die ich übrigens sehr liebte) - war eine wahre Künstlerin, was das Kochen betraf. Nie werde ich ihre Dillklößchen in Buttersauce vergessen. Leider verstarb sie viel zu früh im blühenden Alter von 93 Jahren.
Körperlich bin ich „fit", wie man heute salopp sagt, aber ich hinke ein wenig (eine alte Kriegsverletzung). Trotzdem nehme ich am öffentlichen Leben regen Anteil. Kameradschaftsabende schätze ich sehr, und mit Freude besuche ich Opernkonzerte, liebe das Ballett, stehe aber auch modernen Vorträgen über z. B. Waffentechnik und Heerestaktik sehr aufgeschlossen gegenüber. Meine Mutter war es, die das Interesse dafür in mir weckte. Ich habe sie sehr geliebt.
Stets sind wir ohne Dienstboten ausgekommen. Obwohl es manchmal doch sehr beschwerlich war, hat meine Mutter es aufopfernd und ohne zu klagen geschafft, uns beiden den Haushalt zu führen. Es war ein hartes Los, aber diese harte, schwere Arbeit tat ihrer Schönheit keinen Abbruch.
Liebste Unbekannte (sie scheinen mir nun schon so vertraut...), ich suche eine Frau wie Sie, voller Klugheit und natürlicher Schönheit, bei der ich Ruhe und Geborgen¬heit finde. Gern biete ich ihnen nicht nur meine starke Schulter, sondern auch mein Heim, dem es - ich will es nicht verhehlen - an der ordnenden Hand einer liebenden Frau mangelt. Und ich mache ihnen dieses verlockende Angebot nicht ohne mein Ehrenwort, ihnen ewige Dankbarkeit zu beweisen, wie sie auch meine Mutter stets von mir erfahren hat. Und wenn nicht nur innere Werte, sondern auch ein gewisses Geldvermögen zu Ihren Tugenden zählen sollte, würde es mich freuen, es für Sie verwalten und mehren zu dürfen.
Ihre geneigte Offerte richten Sie gnädigst an nachstehende Anschrift...
24.7.08 16:00
 


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