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Der Schatz des Lebens

Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Der eine, Bartus, war ein wenig dick und unbeweglich, weil er sich den angenehmen Seiten des Lebens allzu sehr widmete. Der andere, Achim, war hingegen ein schlanker, agiler Jüngling, der viel Zeit damit verbrachte, zu Pferd oder zu Fuß die Wälder, Ländereien und Städte des Landes zu erkunden.
Bartus ließ die Menschen zu sich kommen. Zumeist Frauen. Das war nicht schwer, denn er war ja der Königssohn. Achim hingegen ging hin zu den Menschen. Zumeist in der Verkleidung eines Junkers, damit er unerkannt blieb. So lernte er sie kennen, die Menschen, und ihre Nöte, ihre Wünsche.
Bartus hatte viel Freude an seinem Leben. Es fehlte an nichts. Er konnte mit den Menschen um sich herum reden, wie ihn gelüstete, spielen... ja, man kann sagen, dass er ein recht beliebter Königssohn war durch die vielen Geschenke und Günste, die er vergab. Achim hingegen war mehr als beliebt – er wurde geliebt von den Menschen, denen er sich nach langer Zeit zu erkennen gab, weil er einer der ihren geworden war. Allerdings waren das nur wenige.
Eines Tages rief der alte König seine Söhne zu sich. Er wollte seine Nachfolge regeln. Um sich nicht selbst entscheiden zu müssen, hatte er sich eine Aufgabe ausgedacht. Vor ihm standen zwei Schmuckschatullen. Die eine halboffen und bis zum Bersten gefüllt mit dem schönsten Geschmeide, mit Gold und Diamanten. Die andere wirkte fast nackt in ihrer geschlossenen Schlichtheit.
„Morgen, meine Söhne,“ sagte er, „gleich zum Sonnenaufgang werden diese beiden Schatullen in einer Höhle hinter dem Trollwald auf euch warten. Bringt mir jeder eine Schatulle zurück. Wer als erster diese Höhle erreicht, darf wählen - eine von ihnen ist das Symbol für das Königreich.“
Oohps, du hättet sehen sollen, was nun passierte. Bartus wurde plötzlich zum Planer und Frühaufsteher. Abends noch gab er Anweisung, ihm zum Hahnenschrei das beste Pferd gesattelt bereit zu halten; er ließ sich seine Jagdkleidung zurechtlegen, einen großen Sack mit Proviant und hieß seinen Knappen, die Waffen bereit zu machen. Und schon nach dem ersten Hahnenschrei stob er mit dem schnellsten Hengst des Stalles über die Zugbrücke der väterlichen Burg in Richtung des Trollwaldes.
Achim sah ihm lächelnd hinterher, als er in den Stall ging, um seine Stute zu füttern und für den Ausritt fertig zu machen. Als er sich sein Vesperpaket aus der Küche holte, begegnete er dem Vater. „Warum bist auch du nicht schon längst unterwegs, Achim?“ fragte der.
„Ich werde rechtzeitig unterwegs sein, um zu gewinnen, Vater, ich muss nicht siegen dafür.“ Schmunzelnd wandte sich der Vater ab. Und so machte sich auch Achim auf den Weg. Ohne Eile tat er das und hielt unterwegs Zwisprache mit seinem Pferd, wie er es immer gerne tat.
Vor dem Trollwald angekommen fand er den Hengst seines Bruders fast zuschanden geritten. Er stand dort gesattelt, mit zitternden Flanken und Schaum auf dem Fell. Achim kümmerte sich erst um ihn, sattelte ihn ab, rieb ihn trocken mit dem Gras und führte ihn dann an einen kleinen Bach. Dann nahm er seiner Stute den Sattel ab, und mit einem Klaps trieb er sie dem Hengst hinterher.
Die Sonne stand schon recht hoch am Himmel, als er den dichten Wald betrat. Trollwald hieß der, weil er so dicht war, dass es nie richtig hell in ihm wurde. Wenn der Wind die Bäume bewegte, rieben sich die Stämme der Tannen knarrend und raunend; das Rascheln der Baumkronen der Buchen zog wie ein Wispern und Flüstern durch den Wald. Hinter jedem Baumstamm, in jedem Busch vermuteten die Menschen der Umgebung deshalb ein geisterhaftes Wesen und mieden diesen Wald.
Da er das wusste, hatte Achim keine Angst. Er grinste aber amüsiert bei dem Gedanken, wie sein Bruder sich wohl schnaufend, ein wenig panisch und schweißgebadet mit seinem Schwert den Weg durch das Unterholz bahnen würde. Er selbst teilte das Geäst nur, umging die Farnfelder, und während er mit Bedacht seinen Weg fortsetzte, atmete er tief die würzige Waldluft, lauschte den vielfältigen Vogelstimmen und freute sich an dem Schattenspiel, das die Sonne zuweilen in den Wald sandte.
Es war nachmittags, als Achim die Höhle erreichte. Nur noch eine Schatulle stand in ihr. Es war die mit dem Schmuck. Achim konnte sich bildlich vorstellen, wie lange Bartus überlegt haben musste, um die geschlossene zu nehmen. „Wie würde Achim, mein Bruder, entscheiden?“ hatte er sicherlich gedacht, ohne zu bedenken, dass er sich selbst hätte entscheiden müssen. So nahm Achim den Schmuck unter den Arm und trat den Rückweg an.
Es war schon tiefe Nacht, als er die Burg erreichte. Wieder versorgte er erst die Stute, ging dann in die Küche, um sich selbst zu stärken, wusch sich, kleidete sich um und begab sich dann in den großen Spiegelsaal, in dem er seinen Vater vor der geschlossenen Schatulle sitzen sah und seinen Bruder triumphierend inmitten dessen Freunde.
Als beide Schatullen vor dem König standen, griff dieser zu einem Schlüssel, um die verschlossene zu öffnen. Er klappte sie auf... sie war leer. „Du hast gesiegt und entschieden, Bartus. Deine Schatulle ist leer, und so soll Achim nach mir König werden. Denn die Schatullen sind nicht nur Symbol für das Königreich, sondern auch für das Leben – hättest du, Bartus, deine Schatulle beizeiten mit Werten gefüllt, wäre sie ebenso wohlgefüllt wie die deines Bruders gewesen und ich hätte das Königreich unter euch aufgeteilt.“
30.4.06 17:43
 


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