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Der Hochzeitstag

Für beide war's ein besonderer Tag – Marie hatte sich schon lange darauf gefreut, und Hänschen hatte ihn endlich mal nicht vergessen. Sie hatten sich zum Frühstück kleine Geschenke gemacht und wollten an diesem Samstag im November einfach nur mal für sich sein.
Schon das Frühstück zog sich in die Länge, und irgendwie war's ein bisschen so wie früher, als es die Kinder noch nicht gab. Die waren an diesem Wochenende bei den Großeltern, das war deren "Geschenk" zum 16. Hochzeitstag.
Kein Platz sollte heute sein für den Alltag, und so genossen beide die Ruhe, die aus dem Beisammensein entstand, und die wohlige innere Wärme, die sich einstellte. Hänschen verzichtete aufs Zeitung lesen, und Marie sah davon ab, sogleich den Frühstückstisch abzuräumen und in Geschäftigkeit auzubrechen.
Die Sonne schien ins Zimmer. Ein herrlicher Herbsttag bahnte sich an. Gemeinsam wurden Frühstückstisch und Küche aufgeräumt, dann eingekauft, ein Spaziergang im nahen Wald gemacht, und aus dem Nachmittagsschläfchen wurde ein Schäferstündchen. Sie genossen es beide sehr, sich und dieses Füreinander fühlen wieder zu entdecken, das im Alltag kaum noch Platz findet. Ganz nah schienen sie sich dann wieder bei der Tasse Kaffee auf der Couch - mit Kerzen, die die heute schon früh einsetzende Dämmerung erhellten.
Hänschen ließ Badewasser ein, und auf Maries verwunderten Blick antwortete er: "Dies wird dein Abend, ich schenk' ihn dir." Als sie dann lang ausgestreckt im schaumigen Badewasser lag, betrat er das Badezimmer mit geheimnisvollem Blick und einem Hocker, auf das er ein Glas Rotwein stellte und einen kleinen Eisbecher. Ein zarter Kuss vor dem Hinausgehen - und dann vernahm sie erstaunt und erfreut das Klappern von Töpfen und Geschirr aus der Küche.
"Auweia, wie wohl die Küche wieder aussehen würde", schmunzelte sie in sich hinein, doch sie war viel zu entspannt, sich heute darum kümmern zu wollen.
Den Eisbecher im heissen Badewasser zu schlemmen war eine riesige Idee, und der schwere Kalifornier machte sie ein wenig schweben. Als das Wasser nur noch lau ihren Körper umspülte, stand er plötzlich wieder vor ihr, ein ausgebreitetes weißes Badelaken in den Händen. Es war neu, sich von ihm abtrocknen zu lassen, und irgendwie wollte sie mehr als nur abgetrocknet werden - irgendwie aber auch nicht. Doch etwas bekam sie mehr, denn Hänschen begann nach dem Abtrocknen, ihren Körper mit der Körperlotion einzureiben und sanft zu massieren. Auf jedem Quadratzentimeter ihrer Haut spürte sie die Wärme, die über seine Hände in sie überging. Dann legte er den Bademantel um ihre Schultern und führte sie zur Couch, wo sie immer noch das Kerzenlicht erwartete, Brian Adams von der CD und ein zweites Glas des gefährlichen Kaliforniers.
Sie musste grinsen, wie er sie so liebevoll auf der Couch "drapierte", mit Küsschen hier und Küsschen da, doch sie sah auch die Freude in seinen Augen, dies alles tun zu können.
Der Duft einer Grillente zug aus der Küch in ihre Nase. Nur kurz schaute er hin und wieder aus der Tür um zu sehen oder zu fragen, ob es ihr auch an nichts fehlte.
"Heute möchte ich mit dir tanzen gehen," sagte er fast beiläufig, als er den Tisch deckte. Vor Jahren war es das letzte Mal gewesen, dass sie ihn darum bat und er wieder mal - wie immer - ablehnte. Skepsis wollte sich in ihr ausbreiten, doch ein Blick in sein Gesicht ließ diesen Gedanken schwinden.
Das Essen war klasse, sozusagen – jedenfalls hatte er sich sehr viel Mühe gegeben mit der Broccolisuppe, der gegrillten Ente mit Rotkohl, Kroketten und dem Dessert. Und tatsächlich hieß er sie auch diesmal sitzen bleiben, als er den Tisch abdeckte und begann, in der Küche abzuwaschen. Trotzdem schien er erleichtert, als sie sich zu ihm gesellte und ein Handtuch nahm.
Danach herrschte geschäftiges Treiben. Hänschen sang unter der Dusche, als Marie vor dem Schminkspiegel saß. Und als er dann in seinem grauen Anzug vor ihr stand, mit Hemd und Krawatte, frisch rasiert und mit einem Hauch Marbert Man auf der Haut, freute sie sich darüber, ihn wieder so jung und lebendig zu entdecken.
Sie trug das rote Kleid, dass ihre blonden Haare so vorteilhaft unterstrich. Sein stolzes Lächeln sagte ihr, dass ihm gefiel, was er sah - obwohl er es mal wieder nicht sagte. Trotzdem entdeckte sie neue (oder halt verschüttet geglaubte) Seiten an ihm, als er ein Taxi rief, ihr die Tür öffnete und beim Einsteigen galant die Hand anbot.
Als er sie dann durch das Tanzlokal zum reservierten Tisch führte (wo er ihr sogar den Stuhl zurecht rückte!) schien er um ein paar Zentimeter gewachsen. Marie freute sich über die Blicke der Männer und darüber, dass sie Hans offensichtlich so schmeichelten. Auch tat ihr selbst dieses Beachtet werden unheimlich gut. Aber andersherum ging's auch, denn sie begegnete so manchem verstolenen Frauenblick, der ihrem Hänschen galt.
Der erste Tanz war schön, fast sinnlich. Ganz bewußt fühlten sie sich, rochen sich, und im Gespräch, in dem er mehr und mehr zum charmanten Verführe wurde, badete sie in seinem Augen-Blick. Dadurch wurde es das Strahlen ihrer Augen, dass ihn zu immer keckeren Andeutungen, zärtlichen Schmeicheleien und frivolen Andeutungen verleitete.
Es war unglaublich - war sie nun betrunken oder er? Es begann sie zu ängstigen und zu erregen, ihn so reden zu hören, aber sie presste sich nur näher an ihn, damit er nicht so laut reden musste - vielleicht allerdings auch ein bisschen, um nicht eines seiner Wörter zu verpassen. Schon lange hatte sie sich ihm nicht mehr so nah und und sich selbst so sicher gefühlt.
Auch zwischen den Tänzen sparte Hänschen nicht mit Andeutungen, über die sie stets lachte, die er jedoch ernst zu meinen schien, wenn man seinen Augen glauben konnte. Ja, es waren neue Gedanken. Gedanken, die mehr Lust als Liebe versprachen und sie trotzdem mehr und mehr reizten.
Als er dann in der Sektbar zwischen all den Menschen sie von hinten umarmte, zart auf die Schulter küsste und mit den Händen ihren Schoß berührte, war's um sie geschehen.
"Lass' uns nach Hause fahren," bat Marie lächelnd.
30.4.06 17:53
 


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