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Der Mondspaziergang

„Komm'," rief er, „ich zeig' dir den Mond!" Und er nahm ihre Hand.
Es war stockdunkel - so schwarz, das man den Weg durch den dichten Wald nur als einen helleren Schattenstreifen erkennen konnte. Eng umschlungen gingen sie, weil so manche Baumwurzel, die in den Weg hineinwuchs, sie straucheln ließ. So konnten sie nicht fallen. Und sie fühlten sich sicher.
Hügelan ging es jetzt. Die Kuppe des Hügels glänzte weißlich, als sie aus dem Wald heraustraten; die Grabkreuze des nahen Freilichtmuseums zeichneten sich als eine gespenstische Silhouette auf ihr ab. Doch es ging sich leichter - freier - hügelan als im dichten Wald. Nur noch an Händen hielten sie sich und fühlten trotzdem stark durch den festen Griff des anderen. Ein herrlicher Sternenhimmel hatte sich aufgetan, als sie den Waldsaum verließen, und nun sah man auch den heißen Atem, der aus ihren Mündern quoll. Nichts war zu hören außer diesem tiefen Atmen und dem Schritt, der sie gleichmäßig hinauf führte.
Oben angekommen stand vor ihnen der Mond wie eine riesige weißgoldene Scheibe tief am Himmel - knapp über einem Wäldchen, vor dem ein kleiner See wie mit flüssigem Silber gefüllt schien. Und aus dem Schilf stiegen langsam Nebelschwaden empor.
Er hatte sie von hinten umfasst, denn fasziniert schaute sie auf den Mond, der ihr durch seine Größe und das Licht „laut" erschien.
Und so lächelte er sie an und blieb still, als sie sich auf die Bank setzten, denn sie war weit weg und ihm gerade dadurch so besonders nah. Für ihn war es ein Moment des Glücks, ihr auf diese Weise den Mond zum Geschenk machen zu können.
30.4.06 18:00
 


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