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Märchenhaftes

Des Blinden Sicht

Es ist noch gar nicht lange her, da lebte in einem fernen Land ein König, der den Namen „Schneekönig“ trug. Es war ein raues Land, in dem er lebte; die Winter waren länger als die Sommer, dafür schien zuweilen auch des Nachts die Sonne.
Der Schneekönig war ein besonderer König – so, wie man sich einen König nur wünschen kann. Gerecht gegenüber seinen Untertanen, klug und umsichtig in der Staatsführung, verbindlich im Umgang mit den Nachbarn, und auch die übrigen kleinen Nickeligkeiten, die einem solchen König widerfahren, regelte er souverän: Neider erkannte er, und von falschen Ratgebern trennte er sich schnell. So umgab ihn bald eine Schar Menschen, die ihn entweder liebten, teilweise bewunderten oder zumindest respektierten.
Kriege wurden selten um des Schneekönigs Reich. Er vermied solche Auseinandersetzungen, die nach seiner Meinung nur Verlierer gebiert, wich ihnen aber nicht aus. Wenn es denn einmal zum Kampf kam, ritt er voran und war stets stärker, schneller und fintenreicher als seine Kontrahenten.
Das Volk führte ein gutes Leben unter unter seinem Regiment. Die Steuern waren erträglich und aus der Sicherheit ihres Daseins konnten die Bürger arbeiten und feiern und beteiligten sich auf diese Weise frohen Herzens am inneren Wachstum des Reiches – im Sinne der Bedeutung dieses Wortes war jedermann zufrieden mit dem, was er hatte. Heute würde man sagen, es war alles „total easy“.
Mit zunehmendem Alter packten den Schneekönig jedoch persönliche Zweifel. Er wusste nicht recht, warum und wie, aber dieses unterschwellige Gefühl eines Fehls begann, mehr und mehr zu einem Begleiter zu werden. Zunächst dachte er an den Effekt eines „Vakuums“, das ihn unruhig machte, denn seine Staatsgeschäfte waren geregelt, immer weniger Zeit musste er auf das Regieren verwenden. Aber umso mehr Zeit er hatte, desto größer wurde das Gefühl, dass etwas fehlte. So begann er zu beobachten und zu suchen. Doch so sehr er auch beobachtete und suchte fand er nichts, was nicht in Ordnung gewesen wäre, nichts, das fehlte.
Um sich abzulenken und für sich zu sein begann der Schneekönig mit Wanderungen durch seinen Palast. Jeden Raum erkundete er dabei, jedes Ding beschaute er sich. Alles war gut, alles war schön, und jeder, der in seinem Umfeld lebte, bestätigte ihm das dankbar.
Im Frühling begann der Schneekönig, seine unruhigen Wanderungen auszuweiten. Immer größere Kreise zog er um das Schloss; durch die sauberen Stallungen wanderte er, durch den großen, wunderbaren Park, vorbei am See mit den weißen Schwänen bis zu der hohen, blühenden Rosenhecke, die die Ländereien des Schneekönigs in voller Länge umgab.
Eines Tages fand er in der hintersten Ecke seines Gartens einen Durchschlupf durch diese Hecke. Sein erster Gedanke war der Ruf nach dem Gärtner, doch dann obsiegte die Neugier, und der König schlüpfte durch das Loch in der Hecke, hinter der er eine Holzbank fand, die an einem Weg stand.
Er setzte sich um auszuruhen. Schon nach kurzer Zeit erspähte er den ersten Menschen auf diesem Weg; der ging vorbei. Auch der nächste, der übernächste und alle weiteren. Der Schneekönig fand es verwunderlich, dass sie alle vorbeigingen und sich nicht auch auf der Bank ausruhten, denn das Stück Wegs, das er einsehen konnte, war das Ende eines steilen Anstiegs.
So verging einige Zeit, als er einen Mann erblickte, der mit einem Stock jeden Schritt des Weges vor sich erkundete. Offensichtlich war der blind, näherte sich jedoch Schritt für Schritt. Dabei geriet er zwar manchmal in Gefahr, sich abseits des Weges zu verlaufen, doch fand er immer wieder auf ihn zurück. Es war sicherlich beschwerlich, dieserart eine Wanderung zu unternehmen, doch wirkte der Blinde ziemlich entspannt und überhaupt nicht unglücklich.
Als er sich der Bank näherte, von deren Vorhandensein er offensichtlich wusste, schien zu spüren, dass schon ein Mensch darauf saß. „Darf ich mich zu dir setzen, Mensch?“ fragte er, tastete sich heran mit seinem dünnen Stab und nahm Platz neben dem Schneekönig.
„Sicher,“ antwortete der König, „es ist ja nicht meine Bank“.
Das war zwar alles andere als eine herzliche Einladung, trotzdem ließ sich der Blinde nicht beirren und blieb sitzen, um sich auszuruhen.
Schweigend saßen sie zunächst nebeneinander, die Gesichter der Sonne zugewandt. Und gerade, als der Schneekönig sich erheben wollte um zu gehen, ergriff der Blinde das Wort: „Ist es nicht schön, solcherart in die Sonne zu sehen?“
Der Schneekönig hätte fast laut aufgelacht ob diese Satzes von ausgerechnet einem Blinden. „Ja, Blinder, schön hell,“ antwortete er ein wenig amüsiert aber immer noch taktvoll.
‚Hm,’ dachte der Blinde bei sich, ‚wieder einer der nicht richtig zuhören kann’. „Ja, siehst du denn nicht mehr?“
„Oh doch,“ war die Antwort, „ich sehe alles – auch das, was du leider nicht sehen kannst. Soll ich es dir beschreiben?“ Und er hub an, dem Blinden die Sonne zu schildern und den Himmel und alles, was er drum herum sah. Es war die Schilderung eines aufmerksamen Beobachters, die auch jede noch so kleine Kleinigkeit berücksichtigte. Das Bild, das sich daraufhin vor dem inneren Auge des Blinden bildete, war deshalb ziemlich vollständig, doch es hatte für ihn einen kleinen aber wesentlichen Makel: Wie es einem Bild eigen ist, erschien es nur zweidimensional. Wo war die dritte Dimension, wie sah es hinter der Sonne aus? Und hinter dem Hinter?
„Das kann man nicht sehen,“ erklärte der Schneekönig. „Es gibt Vermutungen, was dahinter sein könnte, doch die Gelehrten streiten sich.“
„Und du,“ fragte der Blinde, „hast du nie versucht, hinter die Sonne zu sehen?“
„Nein,“ sprach der Schneekönig, „das Wesentliche kenne ich ja. Und damit lebe ich gut und sicher.“
„Und wenn du dich irrst? Wenn das Wesentliche erst hinter der Sonne begänne und alles Wesentliche, das du kennst, dagegen unwesentlich wäre? Würdest du dann nicht hinter die Sonne sehen wollen“
„Das sind Wortklaubereien, Blinder! Niemand kann hinter die Sonne sehen, ohne sich zu blenden.“
„Und wenn man etwas anderes hätte als die Augen, um hinter die Sonne zu sehen, würdest du dann hinter die Sonne sehen wollen?“
„Ich sehe sehr gut. Besser geht’s nicht. Und anders geht’s nicht.“
„Oh, ich glaube doch, es geht anders. Sehen ist nämlich nicht eine Frage der Augen, sondern die des Sehens. Und das Sehen ergibt sich aus dem Zuhören. Hast du die Menschen, die sich tags hier zu dir auf die Bank setzen, einmal gefragt, was und wie sie sehen?“
„Es hat sich den ganzen Tag noch niemand zu mir gesetzt.“
„Wie kommt’s? Du riechst nicht übel, sprichst belesen – wirkst du irgendwie hässlich oder abstoßend auf andere?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Was könnte denn an dir sein, was andere schreckt, sich zu dir zu gesellen?“
„Ich weiß es nicht... vielleicht... weil ich der König bin?“
‚Ichnuwieder,’ dachte der Blinde seufzend, ‚nur einen Menschen treffe ich auf diesem Weg und ausgerechnet das ist der König’. „Verzeiht meine Despektierlichkeit.“ Und er erhob sich, seinen Weg fort zu setzen.
„Halt,“ sprach der König, „beantwortet mir noch eine Frage: Warum habt Ihr Euch zu mir gesetzt, Blinder, und niemand sonst?“
„Eure Kleider, Majestät, Eure Kleider werden die Ursache sein. Es wird sich an diesem Weg kaum jemand finden, der ähnlich gekleidet ist wie Ihr. Wenn Ihr Euch einen passenderen Weg suchtet, als diesen, wäre Gesellschaft leichter zu finden. Oder aber ihr wechselt die Kleider...“ sprach der Blinde lächelnd und fügte grinsend hinzu: „Kleider machen Menschen...“
Und stöckchenklappernd wanderte der Blinde weiter auf dem Weg in die untergehende Sonne hinein.
30.4.06 18:02


Der Mondspaziergang

„Komm'," rief er, „ich zeig' dir den Mond!" Und er nahm ihre Hand.
Es war stockdunkel - so schwarz, das man den Weg durch den dichten Wald nur als einen helleren Schattenstreifen erkennen konnte. Eng umschlungen gingen sie, weil so manche Baumwurzel, die in den Weg hineinwuchs, sie straucheln ließ. So konnten sie nicht fallen. Und sie fühlten sich sicher.
Hügelan ging es jetzt. Die Kuppe des Hügels glänzte weißlich, als sie aus dem Wald heraustraten; die Grabkreuze des nahen Freilichtmuseums zeichneten sich als eine gespenstische Silhouette auf ihr ab. Doch es ging sich leichter - freier - hügelan als im dichten Wald. Nur noch an Händen hielten sie sich und fühlten trotzdem stark durch den festen Griff des anderen. Ein herrlicher Sternenhimmel hatte sich aufgetan, als sie den Waldsaum verließen, und nun sah man auch den heißen Atem, der aus ihren Mündern quoll. Nichts war zu hören außer diesem tiefen Atmen und dem Schritt, der sie gleichmäßig hinauf führte.
Oben angekommen stand vor ihnen der Mond wie eine riesige weißgoldene Scheibe tief am Himmel - knapp über einem Wäldchen, vor dem ein kleiner See wie mit flüssigem Silber gefüllt schien. Und aus dem Schilf stiegen langsam Nebelschwaden empor.
Er hatte sie von hinten umfasst, denn fasziniert schaute sie auf den Mond, der ihr durch seine Größe und das Licht „laut" erschien.
Und so lächelte er sie an und blieb still, als sie sich auf die Bank setzten, denn sie war weit weg und ihm gerade dadurch so besonders nah. Für ihn war es ein Moment des Glücks, ihr auf diese Weise den Mond zum Geschenk machen zu können.
30.4.06 18:00


Der Schatz des Lebens

Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Der eine, Bartus, war ein wenig dick und unbeweglich, weil er sich den angenehmen Seiten des Lebens allzu sehr widmete. Der andere, Achim, war hingegen ein schlanker, agiler Jüngling, der viel Zeit damit verbrachte, zu Pferd oder zu Fuß die Wälder, Ländereien und Städte des Landes zu erkunden.
Bartus ließ die Menschen zu sich kommen. Zumeist Frauen. Das war nicht schwer, denn er war ja der Königssohn. Achim hingegen ging hin zu den Menschen. Zumeist in der Verkleidung eines Junkers, damit er unerkannt blieb. So lernte er sie kennen, die Menschen, und ihre Nöte, ihre Wünsche.
Bartus hatte viel Freude an seinem Leben. Es fehlte an nichts. Er konnte mit den Menschen um sich herum reden, wie ihn gelüstete, spielen... ja, man kann sagen, dass er ein recht beliebter Königssohn war durch die vielen Geschenke und Günste, die er vergab. Achim hingegen war mehr als beliebt – er wurde geliebt von den Menschen, denen er sich nach langer Zeit zu erkennen gab, weil er einer der ihren geworden war. Allerdings waren das nur wenige.
Eines Tages rief der alte König seine Söhne zu sich. Er wollte seine Nachfolge regeln. Um sich nicht selbst entscheiden zu müssen, hatte er sich eine Aufgabe ausgedacht. Vor ihm standen zwei Schmuckschatullen. Die eine halboffen und bis zum Bersten gefüllt mit dem schönsten Geschmeide, mit Gold und Diamanten. Die andere wirkte fast nackt in ihrer geschlossenen Schlichtheit.
„Morgen, meine Söhne,“ sagte er, „gleich zum Sonnenaufgang werden diese beiden Schatullen in einer Höhle hinter dem Trollwald auf euch warten. Bringt mir jeder eine Schatulle zurück. Wer als erster diese Höhle erreicht, darf wählen - eine von ihnen ist das Symbol für das Königreich.“
Oohps, du hättet sehen sollen, was nun passierte. Bartus wurde plötzlich zum Planer und Frühaufsteher. Abends noch gab er Anweisung, ihm zum Hahnenschrei das beste Pferd gesattelt bereit zu halten; er ließ sich seine Jagdkleidung zurechtlegen, einen großen Sack mit Proviant und hieß seinen Knappen, die Waffen bereit zu machen. Und schon nach dem ersten Hahnenschrei stob er mit dem schnellsten Hengst des Stalles über die Zugbrücke der väterlichen Burg in Richtung des Trollwaldes.
Achim sah ihm lächelnd hinterher, als er in den Stall ging, um seine Stute zu füttern und für den Ausritt fertig zu machen. Als er sich sein Vesperpaket aus der Küche holte, begegnete er dem Vater. „Warum bist auch du nicht schon längst unterwegs, Achim?“ fragte der.
„Ich werde rechtzeitig unterwegs sein, um zu gewinnen, Vater, ich muss nicht siegen dafür.“ Schmunzelnd wandte sich der Vater ab. Und so machte sich auch Achim auf den Weg. Ohne Eile tat er das und hielt unterwegs Zwisprache mit seinem Pferd, wie er es immer gerne tat.
Vor dem Trollwald angekommen fand er den Hengst seines Bruders fast zuschanden geritten. Er stand dort gesattelt, mit zitternden Flanken und Schaum auf dem Fell. Achim kümmerte sich erst um ihn, sattelte ihn ab, rieb ihn trocken mit dem Gras und führte ihn dann an einen kleinen Bach. Dann nahm er seiner Stute den Sattel ab, und mit einem Klaps trieb er sie dem Hengst hinterher.
Die Sonne stand schon recht hoch am Himmel, als er den dichten Wald betrat. Trollwald hieß der, weil er so dicht war, dass es nie richtig hell in ihm wurde. Wenn der Wind die Bäume bewegte, rieben sich die Stämme der Tannen knarrend und raunend; das Rascheln der Baumkronen der Buchen zog wie ein Wispern und Flüstern durch den Wald. Hinter jedem Baumstamm, in jedem Busch vermuteten die Menschen der Umgebung deshalb ein geisterhaftes Wesen und mieden diesen Wald.
Da er das wusste, hatte Achim keine Angst. Er grinste aber amüsiert bei dem Gedanken, wie sein Bruder sich wohl schnaufend, ein wenig panisch und schweißgebadet mit seinem Schwert den Weg durch das Unterholz bahnen würde. Er selbst teilte das Geäst nur, umging die Farnfelder, und während er mit Bedacht seinen Weg fortsetzte, atmete er tief die würzige Waldluft, lauschte den vielfältigen Vogelstimmen und freute sich an dem Schattenspiel, das die Sonne zuweilen in den Wald sandte.
Es war nachmittags, als Achim die Höhle erreichte. Nur noch eine Schatulle stand in ihr. Es war die mit dem Schmuck. Achim konnte sich bildlich vorstellen, wie lange Bartus überlegt haben musste, um die geschlossene zu nehmen. „Wie würde Achim, mein Bruder, entscheiden?“ hatte er sicherlich gedacht, ohne zu bedenken, dass er sich selbst hätte entscheiden müssen. So nahm Achim den Schmuck unter den Arm und trat den Rückweg an.
Es war schon tiefe Nacht, als er die Burg erreichte. Wieder versorgte er erst die Stute, ging dann in die Küche, um sich selbst zu stärken, wusch sich, kleidete sich um und begab sich dann in den großen Spiegelsaal, in dem er seinen Vater vor der geschlossenen Schatulle sitzen sah und seinen Bruder triumphierend inmitten dessen Freunde.
Als beide Schatullen vor dem König standen, griff dieser zu einem Schlüssel, um die verschlossene zu öffnen. Er klappte sie auf... sie war leer. „Du hast gesiegt und entschieden, Bartus. Deine Schatulle ist leer, und so soll Achim nach mir König werden. Denn die Schatullen sind nicht nur Symbol für das Königreich, sondern auch für das Leben – hättest du, Bartus, deine Schatulle beizeiten mit Werten gefüllt, wäre sie ebenso wohlgefüllt wie die deines Bruders gewesen und ich hätte das Königreich unter euch aufgeteilt.“
30.4.06 17:43





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